Das Psychogramm eines Mörders

… warum Menschen töten

… oder wenn der Täter im Tunnel der kalten Aggression gefangen ist

Welt – In gewisser Regelmäßigkeit passiert es. Ein junger Mann nimmt sich eine Waffe und tötet so viele Mitmenschen wie möglich. Florida, Marjory Stoneman Douglas High School der Amoktäter Nikolas Cruz tötet am Mittwoch, den 14. Februar 2018 17 Mitschüler. Ein Amoklauf. Oder: Ein Mann tötet eine Frau aus sexuellen Gründen. Töten um zu töten. Warum? Sind manche Menschen Mörder? Haben die Verfasser des § 211 StGB Recht?

211 StGB (Auszug): Mörder ist, wer aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch oder grausam einen Menschen tötet.

 

Straftaten werden von Menschen begangen, die zum Täter werden. Der Mörder dagegen ist ein Mörder. § 211 StGB ist der einzige Paragraph im Strafgesetzbuch, der den Täter bereits nicht mehr als Mensch, sondern als „Mörder“ ansieht. § 211 StGB schreibt dem Mörder bestimmte Eigenschaften zu. Der Mörder ist Mörder. Wird man als Mörder geboren?

Nein! Die Eigenschaft ein Mörder zu werden entwickelt sich über einen langen Zeitraum. Es handelt sich immer um Menschen mit einem geringen Selbstbewusstsein. Dies kann verschiedenste Ursachen haben. Es kann sein, dass diese Menschen sich körperlich oder geistig nicht vollwertig fühlen oder früh einen Elternteil verloren haben oder sich aus einem anderen Grund ausgegrenzt fühlen. Die Folge ist eine sich entwickelnde Isolierung. Der betroffene Mensch wird immer einsamer. Er wird zum Außenseiter. Anfangs entwickeln sich normale Phantasien von Erfolgsszenarien, später entwickeln sich Rachegedanken. Die Rachegedanken gewinnen von Woche zu Woche an Intensität. Vielleicht senken sie sich auch temporär wieder ab. Ein kleiner Erfolg im Leben des angehenden Mörders verbessert sein Befinden. Eine Pause in der Entwicklung zur Katastrophe. Doch dann geht es weiter. Fast immer fängt der betroffene Täter an über die geplante Tat zu sprechen. Er teilt einigen Wenigen mit, was er am liebsten mit einer bestimmten Personengruppe machen würde. Vielleicht teilt er sich auch im Internet mit.

Fast immer benötigt die betroffene Person im Internet starke Bilder mit Waffen zum Beispiel um sich stark zu fühlen. Seine Umwelt hätte fast immer die Möglichkeit gehabt, darauf zu reagieren und die Tat zu unterbinden. Der potentielle Täter wird Stück für Stück in einen Zustand von kalter Aggression versetzt. Er kann den Hass jetzt selbst körperlich spüren. Er empfindet keine heiße spontane Aggression mehr.  Er lacht innerlich, wenn er ausgegrenzt wird, weil er bereits weiß, dass er sich rächen wird. Die spätere Rache gibt ihm im hier und jetzt Auftrieb. Der Wunsch zu töten entwickelt sich zu einem festen Plan.

Die normalen Gefühle von Mitleid und Empathie werden durch den Tunnel der Rache zurückgedrängt. Der potentielle Mörder tritt Stück für Stück in einen Tunnel des Tötens ein. Der Mordentschluss wird zum täglichen Begleiter. Jetzt kommt die konkrete Tatplanung und Vorbereitung. Die Waffen werden beschafft. Die innere anfängliche Aufgeregtheit weicht einer tiefen Befriedigung. Der Tunnel des Tötens hat den Mörder gefangen. Der Tag der Ausführung benötigt keinen Entschluss mehr. Die Hemmschwelle des Tötens hat sich über Monate oder Jahre abgebaut. Als Anders Breivik damals auf Utoya ankommt um anschließend in 90 Minuten 68 Schüler hinzurichten ist er ganz ruhig. Er ist im Tunnel des Tötens. Seine normalen Emotionen sind komplett ausgeschaltet.

Eine Tötung aus sexuellen Motiven läuft ähnlich ab. Auch hier ist der Ausgangspunkt ein geringes Selbstbewußtsein. Die täglichen subjektiv empfundenen Kränkungen. Die vielen subjektiv empfundenen Zurückweisungen. Die Witze über den eigenen unzulänglichen Körper werden unerträglich. Sexuelle Wünsche mischen sich mit Rachegedanken. Irgendwann werden die Wünsche zu Vergewaltigungsphantasien. Die Filme laufen im Kopf ab. Immer wieder. Immer wieder.

Der Täter gewöhnt sich in beiden Fällen durch die Phantasien auch an die – eigentlich auch für ihn – abschreckenden Bilder des Tötens, des Blutes, der Körperverletzungen, der Gewalt und der Tötungen selbst. Die Abstumpfung wird in der Regel durch Gewaltdarstellungen im Internet zusätzlich unterstützt.

Der Tag der Tatausführung ist nur der Schlusspunkt einer langen Entwicklung. Die eigentliche Tat ist das Ende eines langen Tunnels.

Indem wir als Gesellschaft den Erfolg in den Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens stellen, zeigen wir auch gleichzeitig denen, die die Anforderungen nicht erfüllen, wo sie stehen: Sie sind „out“. Sie sind Verlierer. Sie sind Versager. Damit produziert die Gesellschaft ihre eigenen Gewalttäter. Die männlichen „Verlierer“ organisieren sich und werden radikal. Sie lassen ihre Minderwertigkeitsgefühle an anderen Schwächeren aus. Hass auf Ausländer zum Beispiel. Für manche reicht diese Stufe. Für andere geht es weiter. Andere gehen langsam in den Tunnel – in den Tunnel des Tötens. Betroffen von der Entwicklung zum Mörder sind meistens Männer. Dies liegt daran, dass der Mann nach „außen“ gerichtet ist und der „Kampf“ für ihn zu einem durch die Gesellschaft geprägten Ideal gehört. Frauen neigen eher zu einem „in-sich-hineinfressen“ des Kummers. Sie werden dick oder magersüchtig oder verletzten sich selbst. Das sog. „Ritzen“ kommt fast nur bei Frauen vor. Männer verletzen andere. Frauen verletzen sich selbst. Ausnahmen bestätigen die Regel, wie z. B. einige Mädchengangs zeigen. Die psychologische Situation ist die Gleiche. Männer und Frauen leiden durch das mangelnde Selbstbewusstsein und das Mobbing – die Ausgrenzung. Junge Menschen leiden mehr als ältere Menschen.

Warum wir töten...

Anders Breivik

Ein junger Teenager hat eine äußerst sensible und verletzliche Seele. Nach außen cool nach innen ganz weich; gepaart mit geringem Selbstbewußtsein und vielen Hormonen eine tödliche Mischung. So quält die Ausgrenzung jeden Tag, bis das Leiden sich einen Ausweg schafft – als Mörder oder Selbstmörder. Jeder kann zum Mörder werden. Es ist einfach eine Frage, wieviel Leid auf eine Person hereinbricht und welche Grundsubstanz sie hat damit fertig zu werden und in welchem Umfeld sie lebt. Das einzige Mittel wie wir als Gesellschaft das Phänomen Mörder verhindern können ist, möglichst keine „Verlierer“ zu produzieren, sondern jeden Menschen „mitzunehmen“.

Ein stabiles gesellschaftliches und familiäres Umfeld ist das einzige Mittel um eine radikale, terroristische oder mörderische Entwicklung zu verhindern.

 

 

 

 

 

Redakteur