Ohrringe, Piercings, Beschneidung, SM-Sex –
Die Einwilligung der Deutschen in die Körperverletzung

… ein Plädoyer gegen die freiwillige Körperverletzung

Das Stechen von Ohrringen, Piercings, Tätowierungen, Beschneidungen, harter SM-Sex – dies alles sind Körperverletzungen. Die Mehrheit der Deutschen verletzt sich selbst. Ist dies zulässig. Welche Anforderungen sind an eine Einwilligung in eine Körperverletzung zu stellen?
Die Körperverletzung fängt an z. B. mit Heilbehandlungen wie Impfungen, Betäubungen beim Zahnarzt und ähnliches. Hier wägen wir ab: Die Heilung gegen die Schmerzen und die Folgen der Körperverletzung. Die Absicht des Heilungsversuchs rechtfertigt die an sich gleichzeitig vorliegende Verletzung des Körpers. Grenzbereiche sind z. B. die Amputation. Hier wird ein schwerwiegender Eingriff in die Unversehrtheit des Körpers mit einem notwendigen Heileingriff gerechtfertigt.
Ohrringe, Piercings, Tätowierungen und „Schönheitsoperationen“ sind ebenfalls Körperverletzungen. Derjenige, der eine solche Behandlung an sich durchführen lässt, ist der Auffassung, dass das anschließend verbesserte Aussehen den Eingriff in den Körper rechtfertigt. Welche Maßnahmen sind zulässig? Darf jede Person über 18 Jahre an sich selbst jede Veränderung vornehmen lassen. Der Fall „Sophia Wollersheim“ befeuert die Debatte in Deutschland. Ist es möglich sich Rippen herausnehmen zu lassen, um eine dünnere Taille zu bekommen. Ist die Einwilligung in eine solche Behandlung möglich? Rechtfertigt eine solche Einwilligung die Tat „Körperverletzung“ des Arztes? Wo sind die Grenzen? In Deutschland scheint das Aufspritzen von Lippen, Fettabsaugen, Hautstraffen, Vergrößern von Brüsten, Begradigen von Nasen, etc. allgemein aus optischen Gründen als hinnehmbar zu erscheinen. Was ist mit dem Herausnehmen von Rippen um schlanker auszusehen?
Aus religiösen Gründen wird Jungen die Vorhaut abgeschnitten und Mädchen die Klitoris oder die Schamlippen rausgeschnitten. In manchen Ländern werden jungen Menschen Teller durch die Unterlippen oder Ohren gezogen. Ist es in Ordnung, wenn in Deutschland Menschen Ihren Kindern ein Stück vom Penis abschneiden, weil sie glauben, dann zu Gott gehören zu können. Welche Körperverletzungsrituale sollen wir in Deutschland dulden. Ist die Körperverletzung aus religiösen Gründen in Deutschland möglich. Bei den Aborigines in Australien soll es Brauch sein, den Penis nach der Beschneidung aufzuschlitzen. In Indonesien werden Jungen teilweise heute noch Bambus- oder Metallkugeln in den Penisschaft oder die Eichel eingesetzt. Braucht eine Glaubensrichtung heute noch „Opferrituale“ und Selbstverstümmelung um die Anerkennung Gottes zu erreichen?
Die Schwester wird vom Bruder zusammengeschlagen, weil die Schwester mit einem Ungläubigen zusammen war. Die Familie billigt das Abstrafen der jungen Frau. Der Bruder hat aus religiösen Gründen nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Ist er gerechtfertigt, weil er glaubte die Abstrafung der Schwester vornehmen zu dürfen? Welche Strafen darf eine Familie innerhalb der Familie durchführen?
Im Bereich des SM-Sexes sind Körperverletzungen Gegenstand der Lustgewinnung. Angefangen von Ohrfeigen und Auspeitschen über fesseln, Körperteile abbinden, Quetschen, in die Geschlechtsteile treten oder schlagen bis zum Aufschneiden des Körpers. Painplay, Wachs, Nadeln, Peitsche, Dildo, Fisting, Cuttings mit Skalpellen, Vernähungen sind nur einige der Stichworte. Was ist, wenn ein Rinnsal aus Blut die Lust steigert. Den Höhepunkt bildet der selten vorkommende Kannibalismus. Ist ein bisschen Fesseln und Schlagen ok? Ist auch das Aufschneiden der Haut durch Fesselungen und Schnitte ok? Darf ich den anderen blutig schlagen, wenn er es möchte? Darf ich eine Person fesseln und aufhängen, wenn sie einwilligt? Auch hier stellt sich die Frage, rechtfertigt die „Einwilligung“ des „Opfers“ die Körperverletzung. Ist es straffrei, einen Teil des Körpers eines anderen zu verletzen und zu misshandeln, wenn der andere einwilligt. Kann in Deutschland jeder Mensch in jede Körperverletzung durch einen anderen zur Lustgewinnung einwilligen? Rechtfertigt eine Einwilligung immer und jede Körperverletzung? Wo sind die Grenzen? Ab wann ist der Einwilligende so geisteskrank, dass seine Einwilligung unwirksam ist?
Wie die oben aufgeführten Beispiele zeigen, ist die Frage nach der wirksamen Einwilligung in eine Körperverletzung aktueller denn je. Gleich ob die Körperverletzung zur „Gewinnung von Schönheit oder Lust“ oder der „Religion“ dient, stellt sich die Frage, ob eine Einwilligung für sich selbst oder die eigenen Kinder möglich ist und denjenigen, der die Körperverletzung durchführt straffrei stellt. Denn: Ist die Einwillligung unwirksam, hat sich der andere wegen Körperverletzung nach §§ 223 ff. StGB strafbar gemacht.
§ 228 StGB regelt: Wer eine Körperverletzung mit Einwilligung der verletzten Person vornimmt, handelt nur dann rechtswidrig, wenn die Tat trotz der Einwilligung gegen die guten Sitten verstößt.
Welche Körperverletzung verstößt gegen die guten Sitten? Kommt es auf das Durchschnittsempfinden der Deutschen Gesellschaft an? Oder sind die guten Sitten des Täters entscheidend. Die Ordensschwester wird die SM-Praktiken anders werten als ein „normaler“ Mensch. Ein bisschen SM ist ok? Ab wann ist es nicht mehr ok? Schönheits-OPs sind ok? Das Herausnehmen von Rippen ist nicht mehr ok? 10 Hautstraffungen sind ok? 30 Hautstraffungen sind nicht mehr ok? Wo liegen die Grenzen?
Die Entwicklung der Körperverletzungen ist interessant. Wurden vor 2000 Jahren die meisten „freiwilligen“ Körperverletzungen mit der „Religion“ gerechtfertigt, hat in den letzten 200 Jahren die Körperverletzung aus optischen Gründen und zur Lustgewinnung zugenommen. Ferner besteht ein Nord-Süd-Gefälle. Im Norden ist die Körperverletzung zur Lustgewinnung verbreiteter als im Süden. Lässt sich daraus schließen, dass die Gesellschaft mit zunehmender Entwicklung perverser wird? Gründe dafür könnten sein, dass die ärmeren Länder primär andere Sorgen haben als Lustgewinnung. Ferner könnte eine Flucht in eine fantasiereichere Sexualwelt auch eine Kompensation des Menschen auf eine komplexere Gesellschaft mit einem erhöhten Stresspotential sein. SM-Sex als Stresskompensation?
Gleiches gilt für Schönheitsoperationen. Diese muss man sich auch leisten können. Allein daher ist dieses Thema auch ein Thema des Nordens.
Mit dieser Entwicklung der Körperverletzung steigt auch die Notwendigkeit der Klärung nach den ethischen Grenzen von „freiwilligen Körperverletzungen zur Lust- oder Schönheitsgewinnung“.
Wir sollten als Volk überlegen, ob wir diese Entwicklung ungebremst hinnehmen wollen. Ist es nicht viel schöner jungen Menschen zu sagen: „Du bist schön so wie Du bist“ anstatt die Botschaft zu senden: „lass Dich halt operieren, wenn Du mit Deinem Aussehen nicht zufrieden bist.“ Ist es nicht viel schöner nach der reinen Liebe und Lust zu suchen als jeder Fantasie freien Lauf zu lassen und im SM-Bereich zu enden. Interessanterweise gibt es kaum jemanden, den SM-Praktiken nachhaltig befriedigen. SM scheint doch mehr Kompensation als Sinnsuche zu sein. Wir sollten die Körperverletzung aus Schönheits-, Religions- und Lustgründen überwinden. Dementsprechend kann eine Einwilligung in eine Körperverletzung nur dann eine Verletzung rechtfertigen, wenn diese einer Heilbehandlung dient oder eine völlig untergeordnete Bedeutung hat, z. B. Ohrringe. Alle anderen Körperverletzungen sind zu verbieten. In eine solche Körperverletzung kann nicht gerechtfertigt eingewilligt werden. Der Körper ist zu kostbar um aus anderen Gründen verletzt zu werden.

Redakteur

Hinterlasse ein Kommentar

  • (wartet auf Freischaltung)